Auf zum Rapport

Der übliche Spitalsalltag

Um die Frage "Was machst Du jetzt eigentlich" zu beantworten (Vorwarnung als alle Mediziner: so erklärt, dass auch alle Nicht-Mediziner mitkommen):

Ich bin als Assistenzärztin aktuell auf unserer Wachkoma und Frühreha-Station. Hier werden Menschen behandelt, die entweder in einer sehr frühen Phase der Rehabilitation sind und/oder noch teilweise auf intensivmedizinische Maßnahmen, wie Beatmung angewiesen sind, aber keine andere Unterstützung der Organfunktionen, wie Medikamente zum Aufrechterhalten des Kreislaufs brauchen. Meine Patienten haben entweder eine Hirn- oder eine Rückenmarksverletzung, manche auch beides. Die Ursachen sind vielfältig, vom Sturz mit dem Rennvelo bis zum Schlägli (ja, so heißt Schlaganfall hier wirklich), dem Zustand nach einer Reanimation oder auch als Folge einer Hirnhautentzündung, anderer infektiöser Erkrankungen, einer Krebserkrankung, Chemotherapie oder Operation an einem Hirntumor. 

Ein Tag im Tagdienst beginnt üblicherweise um 7:30 Uhr mit dem Umziehen (ja, Umziehet ist Arbeitszeit ... 😅) Auf dem Weg zur Station wird ein kurzer Abstecher zu meinem Postfach in der Personalabteilung gemacht, bevor ich dann noch recht entspannt ein paar Minuten Zeit habe, meine E-Mails zu checken, bevor der Stationsalltag um 8 Uhr mit der "Börse" beginnt. Die Börse ist eine kurze Besprechung, an der die Pflege, die Ärzte, und die Stammtherapeuten (also Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, (Neuro-)Psychologie) teilnehmen, es eine kurze Übergabe der Pflege aus der Nacht gibt und dann für alle Patienten kurz besprochen, wann heute welche Therapien und Termine anstehen, ob das mit geplantem Besuch passt und wie man die besten Synergien schafft. Körperpflege zum Beispiel wird bei uns nicht automatisch nur von der Pflege gemacht, oft sind es auch Ergotherapeuten, die diese notwendigen Tätigkeiten nutzen, um mit Patienten die Basics der Alltagskompetenz wieder zu üben. Oder die Physiotherapie mobilisiert eine Patienten in den Rollstuhl, kurz bevor am Nachmittag die Kinder einen gemeinsamen Spaziergang geplant haben. Die Tagespläne für alle Patienten sind auf einer Magnettafel in der Stationsküche festgehalten, damit sie für alle sichtbar sind (allerdings leicht anonymisiert, damit die Zugehörigen nicht alle Namen der Mitpatienten kennen)
Nach der Börse gibt es einen kurzen Moment Zeit, sich Patienten, bei denen in der Nacht etwas Kritisches oder besonderes gewesen ist, anzuschauen, bevor um 8:15 Uhr der Ärzterapport ansteht. Rapport meint Übergabe oder Besprechung und wird für alles verwendet, wo sich geplant mindestens 2 Menschen zusammensetzten und etwas besprechen - was häufig vorkommt, es gibt also viele Rapporte. 
Im Ärzterapport findet eine Übergabe aus Spät- und Nachtdienst statt, es wird über die Stationsbesetzung geschaut, ob das (trotz Krankheitsausfälle, die wir aktuell nicht zu knapp haben) alles passt, es werden geplante Untersuchungen und Interventionen, die bei uns im Haus stattfinden, verlesen.
Im Anschluss an den Ärzterapport ist erstmal Zeit für's "Z'nüni" - die traditionelle Frühstückspause mit Kaffee oder "heisser Schoggi" - eigentlich um 9, bei uns immer zwischen halb 9 und 9, je nach dem, wie lange der Rapport so gedauert hat. 
Gegen 9 sieht mich mein Schreibtisch dann zum ersten Mal und ich schaue mir alle Patientenkurven an. Das ist das, wo von Patienten alle Vitalparameter, aktuelle Medikamente, ggf. Beatmungsparameter, künstliche Zugänge, wie Katheter oder "Nadeln" für Infusionen (hier genannt Venflon, in Westdeutschland Braunüle, für mich immer noch Flexüle 😇). 
Um 9:30 ist dann wieder ein Rapport - schließlich ist Kommunikation ja wichtig 😉. Je nach Wochentag ist das etwas anders: 
Montags ist Oberarztvisite (ja, die heißt wirklich nicht Rapport 😂). Hier wird, gemeinsam mit der Pflegestationskoordinatorin und der Stationspharmazeutin durch jede Kurve geschaut, ob aktuelle Medikamente so passen, ob etwas an den Sicherheitsmaßnahmen geändert werden soll - also z.B. ob und wie ein Patient mobilisiert werden darf, was zu beachten ist, ob es Bettgitter oder einen Tisch, einen Rollator oder welche und wie geartete Hilfsmittel auch immer braucht. Und was für den Patienten diese Woche ggf. an besonderen Themen oder Terminen ansteht. 
Mittwochs ist stattdessen WIR-Rapport. WIR steht für "wöchentlicher interdisziplinärer Rapport", wo in analoger Besetzung zur Börse und zusätzlich der Sozialberatung mit allen geschaut wird, ob die Rehabilitionsziele der letzten Woche erreicht wurden, was es ggf. für neue Ziele geben soll, wie man die erreicht oder was man noch tun kann, um die Ziele, die noch nicht erreicht wurden, zu erreichen. 
Donnerstags gibt es den Sozialrapport, in dem es darum geht, wie weit Anträge für Hilfsmittel schon gestellt oder beantwortet sind, wie es um einen eventuellen Plan im Pflegeheim steht, was die Hilfsmittelversorgung macht, ob es aus der Familie noch besondere Themen gibt und ähnliche Themen. 
An Dienstagen und Donnerstagen ist zur gleichen Zeit BedSide-Teaching für die Assistenzärzte auf Station. Hier geht es um praktische Fertigkeiten, wie spezifische Untersuchungen, bei denen wir entweder unseren Oberärzten über die Schulter schauen oder - meistens - supervisiert auch ganz viel selbst lernen und ausprobieren dürfen. Egal, ob es um einen Trachealkanülenwechsel, eine Ultraschalluntersuchung vom Bauch, eine Endoskopie zur Beurteilung der Schluckfunktion, die Kontrolle einer OP-Wunde oder die Anlage eines zentralen Zugangs geht - alles, was auf Station geht, eignet sich, um was zu lernen. 

Nach dem Rapport (Dienstags und Donnerstags wahlweise auch schon früher) ist 2h Zeit für Visite. Das macht bei maximal 9 Patienten auf der Frühreha- und Wachkoma-Station eine knappe Viertelstunde pro Patient, die man meistens auch braucht, da die Kommunikation häufig nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich ist. Was nicht (ausschließlich) an meinen mangelnden Kenntnissen des Schwitzerdütsch liegt 🙈) In der Visite passiert ansonsten das, was man sich üblicherweise unter einer Visite vorstellt, da gibt es keine größeren Unterschiede zu dem, wie ich es kenne. 
Nach der Visite - und wenn sie im Optimalfall dokumentiert und Medikamente angesetzt sind, ist so gegen 12:15 Uhr Zeit für's Mittagessen und die gesamte ärztliche Belegschaft trifft sich im Foyer zum gemeinsamen Speisen. Je nach Wetterlage ist in der Stunde Mittagspause genug Zeit, entspannt zu essen, einen kleinen Spaziergang durch unseren Tiergarten zu machen oder auch, für ganz Aktive im Sinne der vom Betriebsrat propagierten "bewegten Pause" eine Runde Tischtennis, Tischkicker oder Basketball zu spielen, kurz in den Kraftraum zu gehen oder 2-3 Bahnen im Schwimmbad zu ziehen. 

Der Nachmittags ist besprechungsärmer und bietet Zeit, Arztbriefe zu schreiben oder sonstige bürokratische Dinge zu erledigen. Meist ist gegen 15:30 Uhr ein ReKo-Gespräch, also ein Rehabilitations-Koordinierungsgespräch. Diese finden statt, wenn Patienten neu auf die Station kommen zur Festlegung der Rehabilitationsziele, zwischendurch mit oder ohne Angehörigen (sowie in An- oder Abwesenheit der Pflege und Therapeuten, je nach Gesprächsziel und Wunsch), zum aktuellen Stand, aktuellen Zielen und Problemen und natürlich vor Austritt - also Entlassung. 
Um 16:15 ist Assistentenunterricht, in dem entweder Oberärzte oder auch wir Assistenzärzte einen kurzen Vortrag zu einem bestimmten, weiterbildungsrelevanten Thema halten oder auch mal praktische Dinge, wie den Trachealkanülenwechsel am Modell üben, um 16:45 der Nächte Arztrapport mit einer Übergabe für Spät- und Nachtdienst.

Nach 17 Uhr sind dann noch gute 1,5h Zeit, um weiter Briefe zu schreiben und Dokumentationsarbeit zu erledigen, bevor offiziell um 18:30 Uhr Feierabend ist. Und meist klappt das auch sehr pünktlich. Manchmal ist die Arbeit auch früher erledigt, dann ist auch niemand böse, wenn mal mal eine halbe Stunde früher nach Hause geht. Oder sich die Arbeit so einteilt, dass man an einem bestimmten Tag früher gehen kann, um einen Zug zu erwischen oder einen Malteser-Termin wahrzunehmen 🚑